Franz in Uganda 4: Neue Perspektiven

Es ist Sontag der 27. Januar und ich sitze im Igar Café in der Innenstadt Jinja, direkt an der Main Street. Feiertags ist kaum etwas los und die Stadt scheint unter der Mittagshitze vor sich hin zu dösen. Als einer der wenigen Cafés bietet das Igar kostenloses WLAN an, ist also ideal zum Internet schnorren. Neben mir liegt eine Ausgabe des Sunday Monitor und ich blättere gelangweilt durch die Seiten. Und siehe da: Auf einer Seite, auf der es um den bedauernswerten Zustand des ugandischen Gesundheitssystems geht, wurde groß ein Foto einer unserer Fahrradambulanzen in Budondo abgebildet. Schon vor ein paar Wochen waren wir im Monitor, jetzt haben sie das Bild nochmal gebracht. Gute Werbung für uns! Was gibt’s sonst noch Wichtiges und Unwichtiges aus Uganda? In Kampala malen Motorraddiebe einfach neue Nummernschilder auf das Diebesgut und kommen damit anscheinend bei den Behörden durch. Die diesjährige Miss Africa heißt Quinn Abenakyo und kommt aus Jinja. Und gestern war Befreiungstag, d.h. vor 33 Jahren hat die National Resistance Movement (NRM) unter Yoweri Museveni die Macht in Uganda übernommen. Das bedeutet auch: Seit 33 Jahren ist Uganda nun unter der Herrschaft Musevenis. Anlässlich dazu hat die Zeitung Leser befragt, was sie von der NRM-Regierung halten. Interessant dabei ist, dass alle behaupten, viele Menschen im Land seien unzufrieden mit der Regierung, da zum Beispiel Arbeitsplätze fehlten, Korruption das Land beherrsche und man allgemein frustriert von dem fehlenden Fortschritt sei. Dass er oder sie persönlich unzufrieden mit der Regierung ist, sagt keiner.

Seit zwei Wochen bin ich nach unserer Rundreise wieder in Jinja und alles hat sich wieder mehr oder weniger eingependelt. Dieses Wochenende war Jakobs Familie zu Besuch und hat uns wieder allerlei gute Sachen aus Deutschland mitgebracht, darunter Parmesan, Speck, und sogar Weißwürstl und süßen Händlmeier-Senf! Jakob wird die nächsten zwei Wochen mit der Familie Uganda bereisen, was für mich bedeutet, dass ich erstmal allein daheim bin. 

Ein paar Eindrücke vom Central Market Jinja…

…und vom alten Bahnhof.

So einiges ist wieder geschehen, seitdem ihr das letzte Mal von mir gehört habt. Ich werde mal da weiter machen, wo ich das letzte Mal aufgehört habe.

Eine besonders interessante Erfahrung war das Vorbereitungsseminar für die Südfreiwilligen. Das Weltwärts-Programm, mit dem ich auch unterwegs bin, ermöglicht ja auch Freiwilligen aus dem globalen Süden, einen Freiwilligendienst in Deutschland zu absolvieren. Meine Entsendeorganisation Artefact beteiligt auch an diesem Projekt und wird dieses Jahr 15 junge Frauen und Männer aus Uganda, Tansania und Ruanda nach Deutschland entsenden. Die meisten werden zeitgleich mit mir im August nach Deutschland fliegen, für ein paar beginnt der Freiwilligendienst bereits Ende Februar. Zu diesem Zweck haben Rose und Domi, die Artefact-Koordinatoren für Uganda und Ruanda, zu einem einwöchigen Vorbereitungsseminar geladen, das wir deutsche Freiwillige durch Beiträge über deutsche Kultur, Geschichte und Sprache bereichern sollen. 

Also mache ich mich eines Morgens auf nach Lweza, ca. 12 Kilometer südlich von Kampala. Auf der Fahrt bin ich schon sehr gespannt: Wie bereitet man afrikanische Freiwillige auf Deutschland vor? Als ich den Seminarraum betrete, sind die Wände schon gespickt mit Zetteln, auf denen die künftigen Freiwilligen ihre Erwartungen, Hoffnungen, Ängste, Sorgen, etc. aufgeschrieben haben. Ich werfe einen Blick auf die Wand mit den Ängsten. Sorgen macht den jungen Leuten vor allem Rassismus und das schlechte Wetter in Deutschland. Während des Vorbereitungsseminars reden wir dann ausführlich über alle möglichen Themen, die mit Deutschland zu tun haben. Auch geht es viel um praktische Tips zum Leben in Deutschland: Wie kaufe ich ein Bahnticket, an welche Verkehrsregeln muss ich mich beim Radfahren achten, wie kann ich meine Ausgaben minimieren, wie begegne ich Rassismus, etc. Für mich ist es ziemlich interessant, mit diesen Leuten über mein Heimatland zu reden, vor allem, da ich mich recht gut in ihre Situation hineinversetzen kann. Das schöne am Seminar ist aber, dass ich mich richtig zurückversetzt fühle an unsere Vorbereitungsseminare in Glücksburg vor einem halben Jahr: Ein bunt zusammengewürfelter Haufen von aufgeschlossenen jungen Menschen, die gerne mehr von der Welt sehen wollen. 

Bevor das Jahr zu Ende geht, gibt es dann noch einiges zu tun in der Arbeit. Zum einen muss ich einen Abschlussreport über das Fahrradambulanz an die deutsche Botschaft in Kampala anfertigen, auch der interne ausführliche Report muss fertig werden. Für das geplante Lastenrad-Projekt und das SoccAfrica-Projekt gibt es auch noch ein paar Dinge fertigzustellen. 

Beendet wird das Arbeitsjahr bei FABIO dann mit einem Mittagessen beim Rolex Joint, bei dem es den besten Rolex Jinjas, wenn nicht Ugandas gibt. Wir reden noch ein bisschen über das alte Jahr mit seinen Herausforderungen und Erfolgen und teilen den anderen mit, was wir uns für das neue Jahr wünschen. Alle Mitarbeiter bekommen dann noch ein bisschen Reis und Posho (weißes Maismehl) als Geschenk mit in die Ferien. Für mehr hat es angesichts der gähnend leeren FABIO-Kasse nicht mehr gereicht. Egal, nächstes Jahr verspricht ja der Beginn der Zusammenarbeit mit einer britischen Stiftung finanzielle Entlastung.

Ein paar  Tage vor Heiligabend brechen mein Mitbewohner Jakob und ich auf zu unserer großen Ostafrika-Rundreise. Geplant ist erst Ruanda, dann weiter Tansania und Sansibar und schließlich wollen wir über Kenia wieder zurück nach Uganda. Ich bin schon unheimlich aufgeregt, schließlich werden wir ja knapp 3 Wochen unterwegs sein! Also quetschen wir uns mit unseren großen Rucksäcken ins Matatu nach Kampala. Dort muss ich erst noch den Abschlussreport des Fahrrad-Ambulanzprojekts bei der deutschen Botschaft vorbeibringen. Nach einem hervorragendem Pilau bei unserem Lieblingsrestaurant und mehreren Stunden Wartezeit, die wir als Puffer eingeplant haben, geht es dann im Nachtbus nach Kigali. 

Wir erreichen die ruandische Hauptstadt am nächsten Tag um ca. 10 Uhr morgens. Anders als beim ersten Mal finden wir uns jetzt schon besser zurecht und haben von unserem letzten Besuch auch noch Ruanda-Franc dabei. Mit einem der flotten „Motos“, wie man hier die Motorradtaxis nennt, geht es zum Kimisagara, wo wir mehrere Mitfreiwilligen treffen. Die nächsten Tag sind dann geprägt von Weihnachtsvorbereitungen. Es wird geputzt, eingekauft, gekocht, gebacken, gewaschen. Auch besuchen wir den Markt am Kimironko. Neben allerlei sonstigem gibt es hier eine riesige Abteilung für Näherinnen und Näher, die einem alles Mögliche anfertigen können. Dafür gibt es eine schier unendliche Auswahl an Kitenge, dem traditionellen Stoff, der heutzutage aber in China hergestellt wird. Ich lasse mir zum stolzen Preis von 17.000 Franken einer Jacke schneidern, das entspricht etwa 17 Euro. Arbeitszeit scheint hier teurer zu sein, in Uganda würde ich dafür bestimmt nur einen Bruchteil zahlen. 

Zusammen mit Adrine und Benjamin, zwei Ruandern, die ich beim Vorbereitunsseminar in Uganda kennengelernt habe, machen wir auch einen Ausflug auf den Mount Kigali. Obwohl Ruanda ja grundsätzlich etwas kühler ist als Uganda, ist der Aufstieg doch ganz schön schweißtreibend! Aber es lohnt sich, oben werden wir mit einem wunderbaren Blick auf Stadt und Umgebung belohnt.

Heiligabend ist für mich ein Datum im Jahr, das wie kein anderes mit Zuhause und Familie verbunden ist. Insofern ist das schon eine ganz neue Erfahrung für mich, jetzt in einem fremden Land tausende Kilometer entfernt von Daheim zu feiern. Immerhin sind mir meine Mitfreiwilligen inzwischen schon sehr vertraut und so wird es ein netter Abend mit viel gutem Essen, netten Menschen und vielen Geschenken.

Am ersten Weihnachtsfeiertag hat uns Adrine eingeladen, mit ihr zum Gottesdienst zu gehen. Ich und Anna fahren also morgens zur beschriebenen Kirche, der größten katholischen Kathedrale Kigalis. Drinnen ist der Gottesdienst bereits in vollem Gange und wir befürchten schon, irgendetwas falsch verstanden zu haben. Adrine kommt uns mit einer roten Kirchenchor-Robe entgegen und erklärt uns, dass dies nur der erste Gottesdienst auf Kinyarwanda ist, gleich wird der zweite auf Englisch beginnen. Direkt im Anschluss wird es wohl nochmal einen Gottesdienst auf Kinyarwanda geben und abends dann einen auf Französisch. Wie auch immer, der englische Gottesdienst entspricht ziemlich genau dem, was ich von zuhause gewöhnt bin, sogar Orgelmusik strömt aus den Lautsprechern. Manche Weihnachtslieder kann ich sogar mitsummen, wenngleich ich den englischen Text nicht kenne. Für die Wandlung steht vor der Kirche eine fünfköpfige Trommlergruppe bereit und sorgt für Dramatik. Abgehalten wird der Gottesdienst von niemand geringerem als dem frisch ernannten Bischof der Erzdiozöse Kigali. 

Obwohl es für mich der zweite Besuch in Ruanda ist, bin ich wieder erstaunt, wie viele Regeln es hier gibt. Verboten ist zum Beispiel: Essen und Trinken in der Öffentlichkeit, Benutzen und Besitzen von Plastiktüten, Street Food, Fotografieren von öffentlichen Gebäuden und Brücken, Anschauen der Präsidentenresidenz, Betreten der Rasenflächen auf Verkehrsinseln, Bodafahren ohne Helm oder zu zweit, Müll auf den Boden werfen (in Uganda gibt es nicht einmal öffentliche Mülleimer). Das ganze wird akribisch überwacht, in Kigali stehen an jeder Straßenecke Angehörige von Militär, Polizei und Sicherheitsdiensten. Das ist nämlich der Unterschied zu Uganda: Außer der Sache mit dem Streetfood und dem Essen und Trinken auf der Straße existieren alle diese Vorschriften auch in Uganda. Nur dass sie eben kaum durchgesetzt werden. Warum ein Plastiktütenverbot umsetzen, wenn dem Bruder des Präsidenten die größte Plastiktütenfabrik des Landes gehört? Was man allerdings auch in Uganda beachten sollte, ist das Fotografierverbot von Brücken. Man befürchtet, dass andere Nationen diese militärisch wichtigen Bauwerke auskundschaften und so einen Angriff vorbereiten könnten. Dumm nur, dass das Internet gespickt ist mit Bildern von ugandischen Brücken. Und mein Mitbewohner Jakob hat im Markt sogar eine Upcycling-Papiertüte erstanden, die aus den Bauplänen von Jinjas neuer Nilbrücke gefertigt wurden. 

Am zweiten Weihnachtsfeiertag geht es weiter für unsere Reisegruppe, die nun um 5 Mitreiwillige erweitert wurde. Um vier Uhr morgens steigen wir in den Bus nach Daressalam. Was uns bevorsteht sind nicht weniger als 40 Stunden Busfahrt! Ich habe mir im Vorfeld oft Gedanken gemacht, wie ich das Überstehen soll. Im Endeffekt stellt sich die Fahrt aber als weit weniger schlimm heraus, als erwartet. Vormittags erreichen wir die Grenze nach Tansania. Man fährt über einen Gebirgsbach, dann schwenkt der Bus auf die linke Straßenseite (Tansania hat wieder Linksverkehr) und wir kommen zum Grenzposten. Noch dösend warten wir am auf unser Visum, bis uns der ruandische Grenzbeamte aus unseren Tagträumen reißt: Jakob und mir wird die Einreise nach Tansania verweigert! Na toll. Wir diskutieren mindestens eine halbe Stunde mit dem Mann bis wir einigermaßen verstehen was das Problem ist. Dazu muss man folgendes Wissen: Drei Staaten der Ostafrikanischen Union (EAC) haben ein Abkommen unterzeichnet, das deren Bewohnern und Residenten einen kostenlosen Verkehr zwischen den Staaten garantiert. Diese Staaten sind Ruanda, Uganda und Kenia. Die anderen drei Mitgliedstaaten der EAC, Burundi, Südsudan und Tansania, sind dem Abkommen nicht beigetreten. Nun sind wir aufgrund dieser Regelung zwar kostenlos nach Ruanda gekommen. Da wir das Land aber nicht über die Grenze zu einem Abkommenspartner verlassen, müssen wir das Einreisevisum gezahlt haben, um ausreisen zu können. Klingt logisch, oder?

Also nehmen wir beide ein Moto zurück über den Fluss zur ruandischen Einreisebehörde, zahlen dort 30 Dollar für unser Einreisevisum, bekommen dann einen Ausreisestempel, fahren zurück und können für weitere 50 Dollar nach Tansania einreisen. Ärgerlich, aber immerhin mussten wir nicht die ganze Reise abblasen.

Nun also Tansania. Das Land begrüßt uns erstmal mit einer Schlagloch-Holperstraße vom allerfeinsten, ein Durchrüttlungs- und Durchschüttlungserlebnis, wie man es in Uganda nicht schöner haben könnte. Und dann kommen wir auf einmal auf einen nagelneuen Highway, auch das könnte Uganda sein. Überhaupt fühle ich mich viel mehr an meine Heimat auf der anderen Seite des Viktoriasees erinnert, als das in Ruanda der Fall war. Ein paar Unterschiede gibt es aber doch. Da ist einerseits die beeindruckende Landschaft, die durch immer neue Attraktionen dafür sorgt, dass uns die Busfahrt nicht zu langweilig wird. Schluchten, Berge, Savanne, riesige Pyramiden aus überdimensionalen Kieselsteinen. Was ist ansonsten noch anders? Es gibt erstaunlich wenige Boda-Bodas, dafür umso mehr sogenannte Bajajis, diese Auto-Rikschas auf drei Rädern, in Asien auch Tuk-Tuks genannt. Außerdem fällt auf, dass so gut wie die ganze Außenwerbung und auch alle Straßenschilder auf Suaheli verfasst sind. Eine Lokalsprache, die als Verkehrssprache genutzt wird und von jedem verstanden wird, so wie es in Tansania mit Suaheli der Fall ist, gibt es in Uganda nicht. Zwar können auch viele Ugander außerhalb des zentralen Königreichs Buganda die Sprache Luganda sprechen und auch viele beherrschen Suaheli, als Verkehrssprache bleibt Englisch aber unangefochten auf Platz 1. 

Als wir nach fünfstündiger Pause in Tansanias Hauptstadt Dodoma und vielen weiteren Stunden Fahrt endlich Daressalam erreichen, ist die Erleichterung groß. An der Bank holen wir uns Tansania-Schilling und nehmen dann ein Taxi direkt zum Hafen, da wir versuchen wollen, noch die Fähre am selben Tag zu erreichen. Eigentlich hatte ich mir die Metropole mit ihren über 5 Millionen Einwohnern wie ein Kampala in sehr groß vorgestellt. Tatsächlich aber erscheint zumindest das Zentrum recht aufgeräumt und organisiert, entlang großer Straßen sind für ein Bus Rapid System zwei eigene Busspuren reserviert, auf der die Busse von einer Station zur nächsten sausen. Warum gibt es so ein System denn im staugeplagten Kampala nicht schon längst? FABIO hat dies schon vor Jahren vorgeschlagen, nun soll das BRT-System mithilfe der Regierung Tansanias demnächst auch in der ugandischen Hauptstadt eingeführt werden.

Auf den letzten Drücker bekommen wir dann tatsächlich noch Plätze auf der Fähre, auch wenn wir dafür stolze 35 Dollar hinblättern müssen. Verhandeln hilft hier nicht, die Firma hat feste Preise. Immerhin handelt es sich um eine komfortable Schnellfähre, mit der wir Sansibar schon nach gut zwei Stunden erreichen. Dort müssen wir dann erst nochmal durch eine Grenzkontrolle, Sansibar ist ja immer noch teilautonom. 

Die Skyline von Daressalam…
…und die von Stone Town.

Die nächsten Tage verbringen wir in Stone Town, der historischen Altstadt von Sansibar Stadt. Alte hohe Gebäude, enge Gassen und historische Bauten arabischen, indischen, persischen, swahilischen und europäischen Stils prägen das Stadtbild und zeugen von einer den vielen verschiedenen Einflüssen, denen die Stadt ausgesetzt war. Vor allem der Handel mit Gewürzen und Sklaven machte Stone Town zu einer wohlhabenden Stadt. Besonders bemerkenswert sind auch die reichhaltig mit Schnitzereien verzierten Holztüren. Die Stadt erinnert mich ein bisschen an Venedig aber auch an Bethlehem. Und sie steht in einem krassen Gegensatz zu den meisten anderen ostafrikanischen Städten mit ihren meist langweiligen Gebäuden aus den 80ern und 90ern und den breiten Straßen. Stowe Town selbst ist aber nur ein kleiner Teil von Sansibar-Stadt mit ca. 500.000 Einwohnern. Besonders interessant: verlässt man die Altstadt, seht man auf einmal völlig unvorbereitet vor riesigen Plattenbauten im DDR-Stil. Tatsächlich hat die DDR hier in den 70ern „Entwicklungshilfe“ geleistet und dabei die Stadt um einen weiteren Baustil „bereichert“.

Wir verbringen also viel Zeit in Stowe Town und am Strand direkt vor der Altstadt. Es ist immer wahnsinnig heiß und noch dazu ist die Luft richtig feucht. Über die Länge des gesamten Aufenthalts komme ich mir vor wie in einer Saune: schon bei der kleinsten Bewegung läuft einem der Schweiß in Bächen vom Körper. Es fühlt sich an, als wäre man immer von einer Schicht aus Sand, Schweiß, Sonnencreme und Salz bedeckt.

Zweimal machen wir auch Ausflüge an die Ostküste. Dort findet man diese sogenannten Traumstrände: Weiße Strände, Palmen, türkisblaues Wasser. Das Bild könnte direkt aus einem Reisekatalog stammen. Auch gehen wir einmal schnorcheln. Wirklich faszinierend, was wir dabei alles hautnah sehen können, von Korallen über Doktorfische, Aale, Clownfische bis zu fußballgroßen Seeigeln, Seesternen mit über einem Meter Durchmesser und hunderten weiteren Arten von bunten Lebewesen. Außerdem geht das Wasser bei Ebbe an manchen Teilen der Insel mehrere hundert Meter zurück und legt zahlreiche weitere Seeigel, Seesterne, Muscheln und Korallen frei, die man wunderbar bei Wattwanderungen beobachten kann.

Silvester verbringen wir dann bei einer großen Party im Norden der Insel. Das Feuerwerk ist mit einer Länge von ca. zehn Sekunden zwar ziemlich enttäuschend, ansonsten ist die Stimmung aber wunderbar und wir feiern das neue Jahr gebührend.

Am Strand von Stone Town schaffe ich es auch leider, mir Handy und Geldbeutel klauen zu lassen, darin auch meine Kreditkarte. Der Dieb muss uns beim Verstauen der Wertsachen beobachtet haben und in einem Moment, an dem wohl keiner aufmerksam war, zugeschlagen haben. Mit Insgesamt drei Handys und zwei Geldbeuteln, einer davon mit viel Bargeld, hat er eine gute Beute gemacht. Für den Rest meine Urlaub bedeutet das leider, dass ich meinen Mitfreiwilligen auf der Tasche sitze. Aber davon will ich mir den Urlaub nicht verderben lassen.

Nach gut einer Woche auf Sansibar wollen wir wieder die Fähre aufs Festland nehmen. Wir entscheiden uns für eine Nachtfähre, da diese wohl günstiger ist und kommen um kurz vor knapp am Ticketschalter an. Eigentlich, so der Verkäufer, sei die Fähre schon ausgebucht, für Ausländer reserviere man aber immer ein paar Sitze die wir nun haben könnten. Nachdem wir sogar noch weniger als gedacht zahlen mussten, werden wir an Bord automatisch in die VIP-Loge geführt. Wir sind komplett baff: ein klimatisierter Raum mit breiten Sitzen, die wirklich nichts an Komfort vermissen lassen. Und wir dachten, wir reisen low-budget…

Da wir so viel für das tansanischen Visum zahlen müssen, entscheiden wir uns spontan, noch länger in Tansania zu bleiben und dafür in Kenia Abstriche zu machen. Das Land können wir später theoretisch immer noch leicht bereisen. Also nehmen wir morgens den Bus von Daressalam nach Moshi, einer Stadt direkt am Kilimanjaro, dem höchsten Berg Afrikas. Entweder sieht unser Bus aber äußerst verdächtig aus, oder die tansanische Polizei ist besonders  kontrollierfreudig, jedenfalls werden wir auf der Fahrt sage und schreibe sechs mal kontrolliert! Und jedes mal ruft der Busfahrer den Passagieren vorher zu: Anschnallen! Der Anschnaller funktioniert bloß dummerweise nicht mehr und ich lege mir die Gurte einfach immer so um die Schultern.

Auf der Fahrt kommen wir auch in Same vorbei, also der Stadt, in der mein Bruder vor zwei Jahren seinen Freiwilligendienst verbracht hat. Es ist irgendwie ein schöner Moment nun hier zu sein und mit eigenen Augen die bergige Landschaft sehen zu können, die ich immer nur von Fotos meines Bruders kannte. Damals, als ich noch in der 12. Klasse und Afrika ganz weit weg war…

Die Usambaraberge auf dem Weg nach Moshi

Am Busbahnhof von Moshi holt uns schon unser Couchsurfing-Host Victor mit dem Auto ab. Er meint zu uns, er wohne ca. eine halbe Stunde außerhalb der Stadt. Tatsächlich rumpeln wir mit seinem alten Toyota aber bestimmt über eine Stunde bergauf, bis wir ins kleine Dorf Shimbwe gelangen. Irgendwann ist die „Straße“ zu ende und wir halten vor einen großen, noblen Tor. Wir sind erstaunt, hier werden wir wohnen? Einer sagt zum Spaß, dass das Tor jetzt wahrscheinlich von einem Bediensteten geöffnet wird und dieser dann auch noch gleich unsere Rucksäcke aufs Zimmer trägt. Und dann wird das Tor von einem Bediensteten geöffnet und nachdem wir ausgestiegen sind, trägt er unsere Rucksäcke aufs Zimmer, zumindest soviel er tragen kann. Wir bringen den Mund vor Staunen gar nicht mehr zu: Das ist kein Haus, sondern eine große Villa und wir schlafen nicht auf irgendeiner Couch im Wohnzimmer, sondern haben ein eigenes Zimmer mit vier Betten und eigenem Bad! Victor meint noch, dass man vom Balkon den Kilimanjaro recht gut sehe. Und tatsächlich: als ich am nächsten Morgen einen Blick aus dem Fenster wage, steht er direkt vor mir, der höchste Berg Afrikas. 5.895 Meter hoch, ein wahrer Gigant.

Die nächsten Tage verbringen wir in Shimbwe bei Victor. Wie sich herausstellt, ist Victor Guide für Kilimanjaro-Touren und vermietet Zimmer dieser Villa normalerweise für viel Geld an Gäste. In der Off-Season holt er sich aber gern Couchsurfer ins Haus. Wir sind auch, wie sich bald herausstellt, dazu angehalten, einen kleinen Unkostenbeitrag beizusteuern, aber der ist nur allzu gerechtfertigt angesichts dieses Komforts und dieser Lage. Zusammen machen wir eine Wanderung zu einem 90 Meter hohen Wasserfall, in dessen Becken man wunderbar schwimmen und duschen kann. Und wir fahren durch Masai-Land zu einem sogenannten „Hot Spring“. Das ist ein Bach, dessen Wasser zwar nicht ungewöhnlich warm, dafür aber kristallklar ist. Ein absolutes Paradies mitten in der trockenen und kargen Ebene. Außerdem kommen wir noch in den Genuss einer Kaffeevorführung. Der Vorführer, ein liebenswürdiger älterer Mann, der sich selbst „Dr. Coffee“ und sich verhält, als hätte der den Kaffee gerade geraucht, erklärt uns die Geschichte des Kaffees und lässt uns danach die Bohnen selbst stoßen, rösten und malen. Als Gegenleistung kaufen wir ihm seinen Kaffee ab, laut ihm den besten der Welt.

Der Kilimanjaro

Nach zwei wunderschönen Tagen am Kilimanjaro geht es für uns weiter Richtung Kenia. Der Bus nach Nairobi fährt in Moshi um 5 Uhr morgens ab. Leider geht es an der Grenze wieder nicht ganz ohne Komplikationen, unsere Mitreisenden aus Ruanda müssen ein Transitvisum für Kenia bezahlen, Jakob und ich können aber aufgrund unseres Interstate Passes, den wir an der ugandisch-ruandischen Grenze bekommen haben, kostenlos einreisen.

Als wir die kenianische Hauptstadt erreichen, ist es bereits Mittag. Da wir keine sonderlich große Lust auf eine weitere afrikanische Großstadt haben und wir uns sowieso vorgenommen haben, Kenia nochmal zu besuchen, buchen wir gleich den Nachtbus nach Jinja für denselben Abend. Viel kann ich deshalb an dieser Stelle noch nicht sagen über Nairobi, auf den ersten Blick ist nicht unähnlich zu Kampala, nur etwas organisierter, größer und westlicher. Was aber positiv auffällt, sind die zahlreichen öffentlichen Parks und Grünanlagen, an denen wir vorbeikommen. Die scheint man in Kampala irgendwie vergessen zu haben. Interessant ist auch die starke kenianische Währung. Ein Euro entspricht nur etwa 100 Schilling! In Uganda sind es ja 4300. Mir kommt es vor, als würde ich mich die ganze Zeit in Nairobi nur mit Cent-Beträgen in der Tasche bewegen und als wäre alles spottbillig. Tatsächlich aber ist Kenia das mit Abstand teuerste Land, das wir in Ostafrika bereist haben.

Die Reise und der Grenzübertritt läuft weitgehend reibungslos ab. Nur leider bin ich wohl der einzige im Bus, der Ohrenstöpsel benutzt, weswegen ich den „Anschnallen“-Ruf diesmal überhöre und mitten in der Nacht nach langen Verhandlungen 2 Euro an einen korrupten kenianischen Beamten zahlen muss.

In Jinja zeigen wir Linus und Letizia noch für ein paar Tage die Stadt und Umgebung und verbringen dann noch einen gemeinsamen Tag in Kampala. Nachdem die beiden nach Ruanda weitergereist sind, ist auch für uns der Urlaub nun endgültig zu Ende. Aber ich kann sagen: nachdem ich drei Wochen durch Ostafrika gereist sind, merke ich erst, dass Uganda inzwischen wirklich zu meiner zweiten Heimat geworden ist. 

Zurück in der Arbeit bei FABIO scheint die Luft momentan gerade etwas draußen zu sein, jedenfalls gibt es nicht sonderlich viel für mich zu tun. Einmal fahren wir nach Budondo und in die umliegenden Dörfer und besuchen unsere Fahrrad-Ambulanzen im Rahmen des Monitoring und Evaluation. Es gibt zwar noch zahlreiche Herausforderungen, z.B. dass das Konzept einfach noch nicht bekannt genug ist in der Bevölkerung. Aber es ist schön zu hören, dass im Endeffekt schon wirklich vielen Menschen geholfen werden konnte. 

Außerdem habe ich mit Begeisterung festgestellt, dass wir unser Fundraising-Ziel für das Lastenrad-Projekt inzwischen bereits erreicht haben! Vielen herzlichen Dank an alle Spenderinnen und Spender an dieser Stelle! Ihr seid großartig! Wir haben bereits Preise für Materialien ausgecheckt, Budgets geschrieben und Pläne studiert. Sobald das Geld da ist, werden wir mit dem Bau beginnen. Ich freue mich schon sehr und werde euch auf dem Laufenden halten!

Viele liebe Grüße

Franz

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