„Mwaswera bwanji?“ – Wie hast du deine Zeit verbracht?

-die typische Frage, wenn man nach 12 Uhr mittags einem Malawier begegnet. Normalerweise heißt die Antwort hierauf „Ndaswera bwino. – Ich habe meine Zeit gut verbracht.“, aber da das den interessierten Leser wohl nicht zufriedenstellen wird, hole ich mal etwas weiter aus:

In etwa drei Wochen ist es her, dass ich zum ersten Mal malawischen Boden betrat. Der erste Eindruck war… rot: orange-rötlich sandige Landschaft so weit das Auge reicht beim Anflug über Lilongwe, ein feuerroter Sonnenball am Horizont als wir das Flugzeug verließen. Obwohl das erst der Anfang war, hatten wir fünf Malawi-Freiwilligen schon unser erstes kleines Abenteuer hinter uns: aufgrund von Verspätung beim Abflug, kurzfristen Änderungen und Missverständnissen brachte uns der Pilot von Nairobi erstmal nach Nampula in Mozambique. „So schön grün!“, hatten wir die malawische Landschaft eingeschätzt – tja, falsch gedacht, die Reise ging erst mal noch für ein paar Stunden weiter und aus grünen Palmen wurde rote Kahlheit, nur stellenweise unterbrochen durch Felsen, Siedlungen oder Gewächs. Generell sollte von Landschaft bald nichts mehr zu sehen sein, da so gegen halb sechs mitsamt der Sonne innerhalb von einer Viertelstunde auch so ziemlich das gesamte Licht verschwand und die Dunkelheit auf der Fahrt zum Hostel nur noch von Straßenbeleuchtung und Fahrzeuglichtern durchbrochen wurde.

Moni, Malawi! ?
Malawi-Kennenlerntage

Die ersten Tage in Malawi würde ich als größtenteils spaßig, luftig-leicht beschreiben. Drei Vorfreiwillige hatten ein Kennenlernseminar für uns Neulinge organisiert. Die Tage waren gefüllt von Chichewa-Sprachkursen, kulinarischen Entdeckungen, kleineren Ausflügen zu einem Park in Lilongwe, der Innenstadt, dem Markt und dem Permakultur-Institut Kusamala. Die Abende ließen wir mit gemütlichem Zusammensitzen bei selbstgemachter Steinofenpizza, im Restaurant oder bei einem Kartenspiel auf dem Balkon ausklingen. Es gab viel zu gucken und zu lachen, aber hier und da gab es auch schon Denkanstöße: wenn ich massenweise Müll auf den Straßen sah zum Beispiel, wenn unser Sprachlehrer von bestimmten kulturellen Praktiken erzählte, wenn Zweifel in mir aufstiegen über den Sinn eines Freiwilligendienstes oder wenn der Markt mich mit seinen zahlreichen akustischen, optischen und olfaktorischen Eindrücken regelrecht erschlug. Allzeit von lieben Herzensmenschen umgeben verging die Zeit wie im Flug und es hieß bald schon wieder Abschied nehmen, um dahin zu gehen, wo ich tatsächlich die nächsten Monate verbringen würde.

Gemütlich auf dem Hostel-Balkon
Blick auf den Markt von der Brücke
Die neue Heimat

So machte ich mich am 16. August mit meinem Mitfreiwilligen Sam und den Vorgängern Benji und Ludi auf Richtung Blantyre. Die Fahrt fand in einem großen Reisebus statt und obwohl die Musikvideos von afrikanischen oder englischen Kirchenliedern wirklich unterhaltsam waren, wanderte mein Blick doch immer wieder aus dem Fenster. „Einzelne Häuser, einzelne Büsche, einzelne Menschen, inmitten von Weite… und doch Enge durch dunstige Luft, die den Horizont verschleiert“ – schrieb ich abends in mein Tagebuch. Ganz zur Freude meinerseits wurde die Landschaft auch durch Berge oder zumindest Hügel angereichert. Der erste Eindruck Blantyres war überaus positiv: Grünflächen, Blumen, recht geordneter Straßenverkehr mit zweispurigen Fahrbahnen und Berge im Hintergrund. Was mich an diesem ersten Tag in meiner neuen Heimatstadt auch sehr glücklich machte, war die dicke, große Matratze in meinem Zimmer. Generell bietet mir die Wohnung mehr Luxus als ich eigentlich erwartet hatte, und irgendwie auch mehr Luxus als ich eigentlich gerne hätte. Ich miete ein Zimmer auf dem Grundstück einer britischen Familie, die seit mehreren Generationen in Malawi lebt. Neben dem großen Bett und der Warmwasserdusche kommt mir auch das Sorgen der Hausangestellten um Wäsche und Putzen wie Luxus vor, auf den ich bei meinem Freiwilligendienst verzichten könnte und der mich von dem eigentlichen Kennenlernen des hiesigen Lebens eher entfernt. „Wie komme ich der malawischen Kultur möglichst nahe, wie verfolge ich mein Ziel des Herausfindens und Lernens?“ ist eine zentrale Frage, die mich immer wieder beschäftigt und die auch schon einige Schritte bewirkte, über die ich bei gegebenem Anlass berichten werde.

Work, work, work

Die Arbeit ist wirklich Arbeit, aber sehr gut. Mit meinem Vorgänger Benji und meinem Chef Devine wurde am ersten Tag besprochen, welche Aufgaben ich übernehmen kann und als mein Hauptprojekt hat sich die Webseite zur Initiative „Mphamvu-now“ entpuppt. Das Ziel von Mphamvu-now ist über die Energiesituation in Malawi aufzuklären, Probleme und Auswirkungen zu erforschen und den Menschen Alternativen und Lösungsansätze aufzuzeigen. Die Webseite dazu ist aber bisher noch ziemlich leer und ein bisschen trostlos und meine Aufgabe ist es, genau das zu ändern, das heißt, recherchieren, Informationen ordnen, Texte verfassen und ansprechend aufbereiten (das Übersetzen in Chichewa muss bisher noch eine Kollegin übernehmen :D). Dabei habe ich das Gefühl, mich wirklich produktiv einzubringen und auch selbst viel zu lernen – sei es über Abholzung, Energiequellen oder Web-Design. Als Ausgleich zur Büroarbeit startet diese Woche eine Kooperation mit Ecolodgy (Samuels Einsatzstelle), bei der in Zusammenarbeit mit 20 Farmern aus der Region Agroforstwirtschaft und Permakultur verbreitet wird. Ich berichte :).

Auf dem Weg zur Arbeit
RENAMA Office
Und sonst so?

Beach-Volleyball, Wochenendbesuch von meinem Mitfreiwilligen Andrej aus Zomba, gemeinsames Erkunden Blantyres, Ausflug aufs Land, erster Einkauf auf dem Markt in Limbe (in diesem Teil Blantyres wohne ich), Geburtstagsfeier einer Freundin, Smalltalk auf der Straße, veganes Meetup, Poolparty, bei der nur wir das Motto verwirklichen, interessante Gespräche im Büro und anderswo, Geburtstagsüberraschung, nachdenkliche Momente, durch die Straßen spazieren, Aushilfe auf der Ecolodgy-Baustelle, Hundewelpen-Liebe und unerwarteter Unfall – über jedes dieser Ereignisse könnte ich einen eigenen Artikel schreiben. Und vielleicht mache ich das auch zu dem ein oder anderen Thema, bis dahin müssen aber ein paar Fotos genügen ?. Und wenn Dich etwas besonders interessiert, bist Du natürlich immer herzlich eingeladen nachzufragen!

LG,

Johanna

Disclaimer: dieses Foto entstand mit akustischer Unterstützung. In freundlicher Zusammenarbeit mit @Samuel und @Andrej ?

 

@ecoLODGy

PS.: Um noch einmal zu meiner Waldmetapher im Einstiegspost zurückzukommen: die ersten paar Schritte in den Wald habe ich gefühlt als Rehkitz zurückgelegt, noch etwas wacklig auf den Beinen, an der ein oder anderen Stelle wohl recht unbeholfen, aber immer voller Energie dabei. Neugier für die Zeit, die vor mir liegt, und große Pläne lassen mich freudig weiterstolpern und so werden die Schritte immer sicherer.

Danke für die Begleitung! 🙂

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