Tagebuch einer Nachteule: Seite 7431

Wir schreiben das Jahr 2018, vorletzter Tag des Jahres, 01:29 Uhr Ortszeit in Nkhata Bay, Malawi. Ich sitze auf dem Deck einer Fähre, welche in ca. 3 bis 4 Stunden losfahren wird, während die Meisten meiner Mitstreiter es sich neben mir gemütlich gemacht haben und schlafen. Mich persönlich locken die Holzplanken nicht so richtig und irgendwie bin ich gerade auch nicht so richtig müde, obwohl der Tag echt schön, aber auch anstrengend war. Eine gewisse Müdigkeit zerrt schon an mir, aber der Lärm der Schiffsmotoren (welche durchgehend laufen, obwohl die Fähre die ganze Nacht im Hafen liegt) auf der einen Seite und die Mischung aus Musik und Durchsagen von irgendeiner Party auf der anderen Seite halten mich komischer Weise doch wach, obwohl ich bei Geräuschen, wie die Motoren sie jetzt lautstark von sich geben, normalerweise sehr gut schlafen kann.

Jetzt gerade, kurz bevor wir richtig zu dem Ort aufbrechen, wo wir acht zusammen Silvester verbringen (und eventuell auch feiern) wollen, habe ich irgendwie das Bedürfnis, das Jahr nocheinmal Revue passieren zu lassen.

„Ich weiß, das Jahr 2018 war offenbar wieder kurz, ja, 365 Tage im Jahr ist wohl der Standard geworden mittlerweile.“

Malternativ

Zu aller Erst muss ich einmal sagen, dass das Jahr 2018 in meinem bisherigen Leben definitiv das Aufregendste und gleichzeitig wahrscheinlich auch das Bedeutsamste war.
Vor knapp 50 Wochen hat das Jahr damit angefangen, dass ich meine erste Vorabi-Klausur schreiben musste. Die folgenden paar Wochen waren ein nicht zu vernachlässigender Teil meines Abiturs und bekamen demnach auch entsprechende Aufmerksamkeit. Mitte März war es dann aber auch schon wieder vorbei. Das zwei einhalb monatige „Halbjahr“ ging zu Ende und die letzten Schulferien meines Lebens begannen. Diese waren, soweit ich mich zurück erinnern kann, recht unspektakulär und dienten eigentlich auch dem lernen und vorbereiten auf die richtigen Abitur Klausuren, was ich aber etwas „vergessen“ habe, wenn ihr versteht was ich meine. Direkt nach den Ferien ging es dann mit den Prüfungen los, wobei ich mit Kunst schon am zweiten Tag ran musste. Auch hierfür habe ich nicht allzu viel Zeit zum Lernen aufgewendet, was bei Kunst auch recht eintönig werden kann. Um ehrlich zu sein habe ich für meine gesamte Abitur, Also die fünf Prüfungen am Ende, nur knappe zehn Stunden gelernt. Ja ich weiß, das ist nicht unbedingt die richtige Einstellung, aber was soll ich sagen, ich hatte halt meine Gründe.
Der erste und natürlich der Ausschlaggebendste war, dass ich einfach faul bin. Aber mal ganz ehrlich, wer ist das nicht? Meiner Meinung nach ist das tief in jedem Menschen verankert und diese Theorie hat sich hier in Malawi auf jeden Fall weiter bestätigt.
Der andere Grund war, dass ich / man für meine fünf Prüfungsfächer eigentlich auch nicht richtig lernen konnte. Klingt jetzt dumm, aber in gewisser Weise ist es so. Nehmen wir Physik und Mathe, zwei meiner Leistungskurse auf erhöhtem Niveau. Beide Fächer sind extrem komplex und wenn man etwas im Unterricht, wo man es von jemandem, der etwas davon versteht, mehrere Male erklärt bekommen hat, nicht verstanden hat, kann man es sich alleine nur sehr schwer selber beibringen.

„Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“

Galileo Galilei

Zwar bin ich eigentlich ein sehr starker Vertreter dieser Meinung, aber bei manchen Dingen sind Lehrer echt nicht schlecht. Ein guter Krieger weiß schließlich, wann eine Schlacht verloren ist.

Zum Anderen hätten wir da noch das Fach Kunst, welches ich auch auf erhöhtem Niveau hatte. Der Spruch „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ ist nicht nur ein wahrer Spruch, sondern in gewisser Weise auch der Inhalt unserer zwei Jahre Kunstunterricht während des Abiturs. Alles, was man hier noch hätte lernen können, war pure Theorie, von dem man dann auch nur knappe 20% gebraucht hätte und was im Endeffekt eigentlich auch immer wieder genau das Gleiche ist. Hat man das Prinzip der Kunst Kritik und Analyse erst einmal verstanden, vergisst man es so schnell nicht wieder. (Ich möchte hiermit nicht behaupten, dass ich in einem der beiden Gebiete ein Profi oder soetwas bin.)

Zu guter Letzt hätten wir noch Englisch und Erdkunde, beides auf grundlegendem Niveau. Für letzteres musste man eigentlich relativ weniger über irgendwelche Themen wissen, vielmehr war Hauptbestandteil des Unterrichts das Analysieren, Beurteilen und Erschaffen von verschiedensten sozialen, ökologischen und ökonomischen Situationen von Städten, Ländern oder Gebieten. Ähnlich wie in Kunst muss man das Prinzip nur einmal verstanden haben und kann es dann auf beinahe jedes Beispiel anwenden.

Englisch dagegen war dort schon viel anspruchsvoller. Gut, zwar war der Großteil der Anforderung das immer gleiche System aus Analysieren, Zusammenfassen und Beurteilen, wobei die immer gleichen Operatoren wie Erläutern oder Erörtern verwendet wurden, aber man musste schon noch die im Unterricht gelesenen Bücher und gesehenen Filme im Kopf haben. Allerdings war auch genau das der Grund, warum Lernen nicht allzu viel Notwendig war. Eines der Halbjahre beschäftigte sich nämlich unteeanderem mit dem Thema kriminal Romane, besonders mit Sherlock Holmes. Nicht nur haben wir einen alten Film über, beziehungsweise mit ihm gesehen, auch haben wir das moderne Gegenstück dazu aus der noch nicht allzu alten BBC Serie „Sherlock“ gesehen. Sowohl im Film, als auch in der entsprechend angeschauten Folge der Serie, ging es, zumindest mehr oder weniger um den gleichen Fall, wobei wir dann die alte und die neue Version miteinander verglichen haben.
Wie es der Zufall will, bin ich absoluter Fan dieser Serie und hatte sie dementsprechend vorher schon gesehen. Ich war also schon im Unterricht schon total im Thema drin. Aufgrund der enormen Menge an Zeit, die nur für Sherlock Holmes mit seinen beiden Versionen drauf ging, habe ich schon damit gerechnet, dass eine der beiden Wahlmöglichkeiten in der Prüfung über dieses Thema sein könnte. Auch wenn es vielleicht so klingen mag, ich habe mir das nicht als Entschuldigung genommen, um nicht mehr lernen zu müssen, ich habe mir natürlich nocheinmal alle anderen Themen, Bücher, Filme und Geschichten in den Kopf gerufen, die wir im Unterricht behandelt hatten. Die Mappe noch ein letztes Mal durchblättern habe ich logischerweise in allen Fächern gemacht.
Und allem Anschein nach hatte ich in diesem Fall auch eine gewisse Mischung aus Glück und guter Vorahnung, denn einer der beiden Vorschläge in der Prüfung ging über genau diese moderne Neuverfilmung von Sherlock Holmes. Entgegen meiner Erwartungen wurde Englisch dadurch sogar meine beste Prüfung, mit 14 Punkten stand sie schon etwas im Kontrast zu meinen normalerweise 10 Punkten im Schriftlichen in Englisch.


Im Nachhinein muss ich sagen, dass zehn Stunden Lernen vielleicht doch nicht die beste Idee war, mehr hätte definitiv nicht schaden können. Aber ich darf mich auch nicht beschweren, es war schließlich meine Entscheidung und mein finaler Schnitt kann sich eigentlich schon sehen lassen.

Schon während der Zeit der letzten Prüfungen begann die Vorbereitungen auf einen neuen Abschnitt meines Lebens. Schon vor dem ersten Vorbereitungsseminar Mitte Mai bekam ich meine ersten Impfungen. Anfänglich noch beim Hausarzt, sind wir danach zum Tropeninstitut gegangen und ich habe Impfungen bekommen gegen Krankheiten, von denen ich zum Teil noch nie zuvor gehört hatte. Mit dem ersten Seminar begann es dann für mich erst so richtig. Das erste Mal all die anderen Freiwilligen treffen, das erste Mal detaillierte Informationen enthalten und auch zum ersten Mal von Malawi hören, wo ich mich nun schon seit fast fünf Monaten befinde. Zwar hatte ich den Namen Malawi vorher schonmal gehört, aber das es ein Land in Afrika ist, war mir (und auch vielen anderen Freiwilligen) nicht bewusst.
In der Zeit bis zum zweiten Seminar gab es dann auch nochmal sehr viel zu tun. Zum einen gab es das Fundraising, was ich nie zuvor gemacht hatte. Alleine in dieser Zeit habe ich so unendlich viel gelernt, bin mehrmals über meinen eigenen Schatten gesprungen und bin an der Sache ein gutes Stück gewachsen. Zwar hätte ich jetzt nicht nocheinmal Lust drauf, aber ich sehe sowohl die Notwendigkeit dahinter, als auch die Schwierigkeiten dabei.
Zum Anderen hatte ich noch meinen Führerschein vor mir. Schon vor einiger Zeit angefangen, hatte ich es immer noch nicht geschaft ihn zu beenden. Ende Juli, nur knapp zwei Wochen vor Ausreise, habe ich es dann letztendlich doch noch geschafft. Sehr viel eigene Praxis habe ich danach nicht mehr sammeln können.
Und letztendlich mussten dann ja auch noch alle anderen Vorbereitungen abgeschlossen werden. Es mussten noch Dinge besorgt, Andere, wie etwa mein Reisepass, organisiert und manche Sachen geregelt werden. Eine Abschieds- / Geburtstagsfeier war natürlich auch noch dabei.

Beim zweiten Seminar wurde es dann langsam ernst. Ich kannte meine Einsatzstelle, hatte so gut wie alle notwendigen Informationen erhalten und die Abreise rückte auch immer näher.
Mit der Abreise begann für mich und alle anderen Freiwillige ein neuer Abschnitt unseres Lebens und damit endete logischerweise auch einer, einer, den ich sehr gerne gemocht habe und auch immer noch hinterher trauere, wie ich ja bereits in einem anderen Beitrag erwähnt habe.
Allerdings ist dieser neue Abschnitt ein schöner und einfach nur einmaliger Teil meines Lebens, der immer größer und besonderer wird. Alleine in der Zeit, die ich jetzt schon hier bin, sind so viele einzigartige Dinge passiert, dass ich sie hier garnicht alle aufzählen kann. Das Eine oder Andere wird sicherlich noch einen eigenen Beitrag bekommen und definitiv auch noch viele Erfahrungen, die ich erst noch machen werde.


Es ist inzwischen 04.23 Uhr. Ich sitze mit zwei anderen Solivol Freiwilligen auf einer Bank oben auf dem Deck, alle eingewickelt in Decken, denn es ist nicht nur windiger, sondern auch kälter geworden. Mit Hannah hatte ich ja von Anfang an gerechnet, aber das Antonia auch dabei ist, war schon eine Überraschung. Denn eigentlich wohnt sie derzeit in Ruanda, mehr als 1.000 Kilometer von Malawi entfernt, aber sie hat sich entschieden über Silvester zu uns in den Süden und mit zu einer Lodge am Rande des Lake Malawi zu fahren. Wir sind also nun acht Reisende, auf dem Weg zur Zulunkhuni Lodge, fünf davon schlafen und allesamt warten wir darauf, dass die Fähre unter unseren Füßen in vorraussichtlich einer Stunde losfährt und dass die Nacht langsam zu Ende geht.

Wir werden auf jeden Fall eine sehr schöne Zeit haben und hiermit wünsche ich das auch jedem, der das hier liest. Genießt Silvester (wenn möglich ohne viel „Lärm“, aber natürlich jedem das Seine), kommt ein bisschen runter und habt einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Etwas übermüdet, euer Samuel aus Malawi

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